Home | Vita | Aktuell | Kino | Fernsehen | Theater | Hörbücher | Awards | Archiv | Impressum | Memories | Links
Theater

Mutter Courage und ihre Kinder

- Pressestimmen -

04.07.2009 - Frankenpost (Von Michael Thumser)

Hyäne des Krieges

Luisenburg - Brechts „Mutter Courage“ macht mit dem Wagen im Fichtelgebirge Halt. Rosel Zech glänzt mit harten Worten, einem Mädchen verschlägt es die Sprache

Wunsiedel - Handel heißt: Geschäfte machen. Händel: Das sind die Streitigkeiten, die einer sucht. Kaum ein Unterschied zwischen den Begriffen. Wirklich ist für Mutter Courage beides fast ein und dasselbe. Ihr Geschäft ist der Krieg. So lange das Töten dauert, kann sie ihr Leben fristen. Also zieht Anna Fierling, ihres Mundwerks und Mutes wegen die Courage geheißen, mit dem Marketenderwagen durch die Sommer und Winter des großen Gemetzels und der Länder, die zu verheeren es reichlich Zeit hat: dreißig Jahre. "Die Welt stirbt aus."

Auch im Fichtelgebirge macht sie Station. Bertolt Brecht, in seinem Stück um "Mutter Courage und ihre Kinder", lässt die frostigste Episode eben hier spielen. Jetzt kam die berühmte Szenenfolge ganz in Wunsiedel an: Seit der nicht allzu ausgiebig, doch laut beklatschten Premiere am Donnerstag rollt der Wagen auf der Luisenburg. Dort ließ Pierre Walter Politz als Regisseur und Szenenbildner eine Bretterstraße, einen besseren Knüppeldamm zimmern, der sich schier endlos über die Naturbühne schlängelt und steil an ihrer Felswand hinauf.

In Wahrheit führt Courages Weg nach unten; nur dass sie's nicht wahrhaben will. Mit jeder der händelsuchenden Parteien will sie beim Handel ihren Schnitt machen und merkt nicht: Es ist der Schnitt ins eigene Fleisch. Ihre Söhne Eilif und Schweizerkas (Matthias Lehmann, bedenkenlos angriffslustig, und Matthias Ransberger als braver Junge) erleiden jeder einen schmählichen Tod. Von Reiseabschnittsgefährten wird sie verlassen: vom Feldprediger, bei Ulrich Gebauer ein bänglich-bigotter Gottesmann; von einem Koch, dessen kalten Pragmatismus Peter Kaghanovitch mit den Zügen des Genussmenschen aufhellt. Am Ende ist ihr auch noch die Tochter Kattrin an einer guten Tat zugrunde gegangen, und die Courage steht allein da mit ihrem Mut. "Nehmt mich mit", schreit sie einer bleichgesichtigen Armee nach, die sich mit Kunststoffrüstungen wie für den "Krieg der Sterne" gepanzert hat. Die Kauffrau wird tun, was sie immer tat: dem Tross hinterherziehen, beim Sterben die Letzte sein.

Mutter Courage
Kühles Muttertier und geschundene Kreatur: Courage und Kattrin (Rosel Zech, Johanna Marx, rechts). Bild: Hannes Bessermann

Ein Graus. Von Regisseur Politz rhythmisch klug, mit modernen Standbildern bewegt in Szene gesetzt, bewegt die Geschichte auch den Betrachter, wenngleich das, ginge es nach Brecht, gar nicht so sein soll. Für Distanz will die Musik von Paul Dessau und Max Doehlemann sorgen, von den Herren Doehle- und Kohlmann, Harig und Hornig inhaltsgliedernd, oft stimmungssteigernd zugespielt. Mit dem Akkordeon tut jahrmarktsbunt Jolanta Szczelkun mit: Wie eine Bänkelsängerin bringt sie die Moritat zur Geltung, den volkstümlichen Bilderbogen, der unterm lehrhaften Antikriegsthema reizvoll beschlossen liegt.

Aber nicht in Folklore driftet die starke, sarkastisch harte Aufführung ab, auch nicht in eine Geschichtslektion. Zwar haben darin Massenspektakel, Gefechtslärm, pyrotechnische Schrecksekunden ihren Platz; desgleichen aber auch die Individualität des Charakterbilds - wofür das impulsive Ensemble sorgt, das Rosel Zech anführt. Nichts Abgerissenes, Verluderndes mag die prominente Schauspielerin der Courage zumuten; sie kehrt deren Unverwüstlichkeit hervor. Mit Stolz trägt sie ihren alten Frack, an dem Orden baumeln, oder einen Pelz, den Hut mit den kostbaren Federn oder das bunte Kopftuch (Kostüme: Susanne Thaler). Wenn sie mit reichlich Silberschmuck klimpert und auch schon mal ein schlimmes Schicksal aus einer Kriegerhand entziffert, könnte man sie für eine halbe Hexe halten. Doch jeder Überwirklichkeit misstrauend, bleibt sie bei ihrem objektiven Unternehmungsgeist, roh und rau und grimmig wie die ungefüge Stimme, mit der sie ihre Lieder singt. Für Illusionen reicht das Geld nicht. Zärtlich wär sie gern, zäh aber muss sie sein. Welt- und lebensklug weist Rosel Zech als Frau und Mutter ihre Mitwelt in die Schranken; doch bockbeinig lernt die Händlerin, eine "Hyäne des Schlachtfelds", nichts dazu in diesem "Glaubenskrieg" der Männer.

Aus dem ein Stück für Frauen wird. Da ist auch Christine Nonnast als verführte Unschuld Yvette, die sich beachtlich zur kaltschnäuzigen Schlampe mausert. Und da ist Kattrin, die Tochter der Courage: eine misshandelte Kreatur, "am Mitleid leidend", von Natur aus gut. Als Kind von einem Soldaten gefoltert, hat sie die Sprache verloren; wortlose Rollen indes sind die schwersten: In Wunsiedel zieht die fabelhafte Johanna Marx schweigend, aber nicht still, mit alarmierend erbarmungswürdigen Gebärden Rührung und Bewunderung auf sich. Über Krieg wird viel geredet in Brechts Stück, doch sie sagt, stumm, darüber am meisten.

Zur Bildgalerie der Frankenpost
zurück
top