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Wunsiedel - Handel heißt: Geschäfte machen.
Händel: Das sind die Streitigkeiten, die einer sucht. Kaum ein Unterschied
zwischen den Begriffen. Wirklich ist für Mutter Courage beides fast ein
und dasselbe. Ihr Geschäft ist der Krieg. So lange das Töten dauert,
kann sie ihr Leben fristen. Also zieht Anna Fierling, ihres Mundwerks und Mutes
wegen die Courage geheißen, mit dem Marketenderwagen durch die Sommer und
Winter des großen Gemetzels und der Länder, die zu verheeren es
reichlich Zeit hat: dreißig Jahre. "Die Welt stirbt aus."
Auch im Fichtelgebirge macht sie Station. Bertolt Brecht, in
seinem Stück um "Mutter Courage und ihre Kinder", lässt die
frostigste Episode eben hier spielen. Jetzt kam die berühmte Szenenfolge
ganz in Wunsiedel an: Seit der nicht allzu ausgiebig, doch laut beklatschten
Premiere am Donnerstag rollt der Wagen auf der Luisenburg. Dort ließ
Pierre Walter Politz als Regisseur und Szenenbildner eine Bretterstraße,
einen besseren Knüppeldamm zimmern, der sich schier endlos über die
Naturbühne schlängelt und steil an ihrer Felswand hinauf.
In Wahrheit führt Courages Weg nach unten; nur dass
sie's nicht wahrhaben will. Mit jeder der händelsuchenden Parteien will
sie beim Handel ihren Schnitt machen und merkt nicht: Es ist der Schnitt ins
eigene Fleisch. Ihre Söhne Eilif und Schweizerkas (Matthias Lehmann,
bedenkenlos angriffslustig, und Matthias Ransberger als braver Junge) erleiden
jeder einen schmählichen Tod. Von Reiseabschnittsgefährten wird sie
verlassen: vom Feldprediger, bei Ulrich Gebauer ein bänglich-bigotter
Gottesmann; von einem Koch, dessen kalten Pragmatismus Peter Kaghanovitch mit
den Zügen des Genussmenschen aufhellt. Am Ende ist ihr auch noch die
Tochter Kattrin an einer guten Tat zugrunde gegangen, und die Courage steht
allein da mit ihrem Mut. "Nehmt mich mit", schreit sie einer bleichgesichtigen
Armee nach, die sich mit Kunststoffrüstungen wie für den "Krieg der
Sterne" gepanzert hat. Die Kauffrau wird tun, was sie immer tat: dem Tross
hinterherziehen, beim Sterben die Letzte sein. |
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Ein Graus. Von Regisseur Politz rhythmisch klug, mit
modernen Standbildern bewegt in Szene gesetzt, bewegt die Geschichte auch den
Betrachter, wenngleich das, ginge es nach Brecht, gar nicht so sein soll.
Für Distanz will die Musik von Paul Dessau und Max Doehlemann sorgen, von
den Herren Doehle- und Kohlmann, Harig und Hornig inhaltsgliedernd, oft
stimmungssteigernd zugespielt. Mit dem Akkordeon tut jahrmarktsbunt Jolanta
Szczelkun mit: Wie eine Bänkelsängerin bringt sie die Moritat zur
Geltung, den volkstümlichen Bilderbogen, der unterm lehrhaften
Antikriegsthema reizvoll beschlossen liegt.
Aber nicht in Folklore driftet die starke, sarkastisch harte
Aufführung ab, auch nicht in eine Geschichtslektion. Zwar haben darin
Massenspektakel, Gefechtslärm, pyrotechnische Schrecksekunden ihren Platz;
desgleichen aber auch die Individualität des Charakterbilds - wofür
das impulsive Ensemble sorgt, das Rosel Zech anführt. Nichts Abgerissenes,
Verluderndes mag die prominente Schauspielerin der Courage zumuten; sie kehrt
deren Unverwüstlichkeit hervor. Mit Stolz trägt sie ihren alten
Frack, an dem Orden baumeln, oder einen Pelz, den Hut mit den kostbaren Federn
oder das bunte Kopftuch (Kostüme: Susanne Thaler). Wenn sie mit reichlich
Silberschmuck klimpert und auch schon mal ein schlimmes Schicksal aus einer
Kriegerhand entziffert, könnte man sie für eine halbe Hexe halten.
Doch jeder Überwirklichkeit misstrauend, bleibt sie bei ihrem objektiven
Unternehmungsgeist, roh und rau und grimmig wie die ungefüge Stimme, mit
der sie ihre Lieder singt. Für Illusionen reicht das Geld nicht.
Zärtlich wär sie gern, zäh aber muss sie sein. Welt- und
lebensklug weist Rosel Zech als Frau und Mutter ihre Mitwelt in die Schranken;
doch bockbeinig lernt die Händlerin, eine "Hyäne des Schlachtfelds",
nichts dazu in diesem "Glaubenskrieg" der Männer.
Aus dem ein Stück für Frauen wird. Da ist auch
Christine Nonnast als verführte Unschuld Yvette, die sich beachtlich zur
kaltschnäuzigen Schlampe mausert. Und da ist Kattrin, die Tochter der
Courage: eine misshandelte Kreatur, "am Mitleid leidend", von Natur aus gut.
Als Kind von einem Soldaten gefoltert, hat sie die Sprache verloren; wortlose
Rollen indes sind die schwersten: In Wunsiedel zieht die fabelhafte Johanna
Marx schweigend, aber nicht still, mit alarmierend erbarmungswürdigen
Gebärden Rührung und Bewunderung auf sich. Über Krieg wird viel
geredet in Brechts Stück, doch sie sagt, stumm, darüber am
meisten. |