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"Wer mit dem Teufel frühstückt, muss einen langen
Löffel haben: Der Feldprediger kennt sich aus und weiß auch,
dass dieser Dreißigjährige Krieg ein gottgefälliger
Glaubenskrieg ist. Und weil er selbst nicht mitmischt, sondern nur davon
profitiert wie seine Weggenossin Anna Fierling, wird er den zitierten langen
Löffel ebenso wenig abgeben müssen wie besagte Mutter Courage, der es
besser erging als ihren Kindern. Bertolt Brecht hat uns diese "Chronik aus dem
Dreißigjährigen Krieg erzählt unter dem Titel "Mutter
Courage und ihre Kinder.
Und weil Brecht sie erzählt, ist es eine lehrreiche
Chronik. Regisseur Pierre Walter Politz bemühte sich vergeblich, den
pädagogischen Zeigefinger des B. B. abzubrechen. Ihm schwebte laut
Programmheft ein kabarettistisch unterhaltender "Bilderbogen mit Musik" vor.
Gleichzeitig wollte er aber auch "eine Art Moritat gegen den Krieg.
Brecht wird sich posthum ins Fäustchen gelacht haben, denn nicht mehr oder
weniger wollte auch er, Lehrstück hin oder her. Und so sind sich Autor und
Regisseur wieder herzenseinig bei dieser wunderbaren Produktion, nach welcher
sogar der Oberlehrer Brecht gestaunt und dazugelernt hätte.
Denn allein schon dieses Bühnenbild ist staunenswert.
Der dornige Weg, den die Marketenderin mit ihrem erwachsenen Nachwuchs
beschreitet, führt potentiell in höchste Höhen des
(Fichtel-)Gebirges. Dass es ein Holzweg ist und dass er sogar die Steilwand im
Bühnenhintergrund im kühnen Achtzig-Grad-Steilwinkel nimmt, soll uns
keine Sorgen darüber einpflanzen, wie denn der schwere
Marketender-Planwagen dort hinaufzukriegen sei. Politz und seine Truppe
behalten wohltuende Bodenhaftung. Wenn der Wagen nur im Vordergrund ein
bisschen auf und ab, vor und zurück schaukelt, halten Courage und Co.
besten Kontakt zu ihrem hin- und hergerissenen Publikum. Und außerdem
wird wie bei fast jeder herkömmlichen "Courage-Inszenierung klar:
Diese unbelehrbar-optimistische Frau bewegt sich im Kreise, hat am Ende nichts
dazugelernt.
Ist das nicht der blanke Zynismus? Wer lernt, wie Courages
Ältester Eilif (rank und lebenstüchtig: Matthias Lehmann) die
Menschen auszuplündern, muss derlei im plötzlich über ihn
hereingebrochenen Frieden mit dem Leben bezahlen. Auch wer Gutes tut wie die
stumme Tochter Kattrin (anrührend hilflos, aber schließlich
tollkühn: Johanna Marx), ist des Todes. Und wer dumm und also
lernunfähig ist wie Zweitsohn Schweizerkas (wirkt etwas zu alert: Matthias
Ransberger), kullert als Totgeschundener seiner Mutter zu Füßen. Die
Kriegskasse, die er zu verwalten und zu retten hatte, entpuppte sich als ebenso
lebensgefährlich wie der rechte Glaube, um den dreißig Jahre lang
und sogar noch heute gefochten wurde und wird.
Nur Anpassungsfähigkeit sichert halbwegs das Leben. Der
Feldprediger trägt je nach Truppenlage Talar, Soutane oder neutral, die
Courage flaggt katholisch, evangelisch oder möglichst gar nicht. Man weiss
ja nie: "Der Krieg soll verflucht sein!, wettert sie, nachdem Tochter
Kattrin massakriert wurde, aber er geht weiter, und die nunmehr kinderlose
Mutter wird dabei bleiben, denn er ernährt sie: "Ich lass mir den Krieg
von euch nicht madig machen.
Dies Weib ist des Teufels. Entsprechend langlöffelig
wird es wunderbar von Rosel Zech auf standhaft-wendige Beine gestellt. Wenn die
Zech in jeder Lage Lebensmut versprüht, wenn sie sich einfühlsam der
armen stummen Bühnentochter zuwendet, wenn sie das Schlimme von ihren
Söhnen abwenden will, wenn sie singt oder alltagsphilosophiert, immer
bleibt sie hochpräsent und liebenswert. Brecht macht es uns wie in vielen
anderen seiner Stücke schwer. Seine Botschaft liegt im Dauerclinch mit der
Sympathie, die deren Überbringern entgegenschlägt. Dass sie aber im
Kern erhalten bleibt, dagegen kann auch der engagierteste Regisseur kaum etwas
ausrichten. Politz fügte sich und versuchte es erst gar nicht. Dem
jubelnden, lang anhaltenden Schlussbeifall hat es nicht geschadet. |