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Theater

Mutter Courage und ihre Kinder

- Pressestimmen -

04.07.2009 - Nordbayrischer Kurier (Von Gero v. Billerbeck)

Eine Moritat gegen den Krieg

"Wer mit dem Teufel frühstückt, muss einen langen Löffel haben“: Der Feldprediger kennt sich aus und weiß auch, dass dieser Dreißigjährige Krieg ein gottgefälliger Glaubenskrieg ist. Und weil er selbst nicht mitmischt, sondern nur davon profitiert wie seine Weggenossin Anna Fierling, wird er den zitierten langen Löffel ebenso wenig abgeben müssen wie besagte Mutter Courage, der es besser erging als ihren Kindern. Bertolt Brecht hat uns diese "Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ erzählt unter dem Titel "Mutter Courage und ihre Kinder“.

Und weil Brecht sie erzählt, ist es eine lehrreiche Chronik. Regisseur Pierre Walter Politz bemühte sich vergeblich, den pädagogischen Zeigefinger des B. B. abzubrechen. Ihm schwebte laut Programmheft ein kabarettistisch unterhaltender "Bilderbogen mit Musik" vor. Gleichzeitig wollte er aber auch "eine Art Moritat gegen den Krieg“. Brecht wird sich posthum ins Fäustchen gelacht haben, denn nicht mehr oder weniger wollte auch er, Lehrstück hin oder her. Und so sind sich Autor und Regisseur wieder herzenseinig bei dieser wunderbaren Produktion, nach welcher sogar der Oberlehrer Brecht gestaunt und dazugelernt hätte.

Denn allein schon dieses Bühnenbild ist staunenswert. Der dornige Weg, den die Marketenderin mit ihrem erwachsenen Nachwuchs beschreitet, führt potentiell in höchste Höhen des (Fichtel-)Gebirges. Dass es ein Holzweg ist und dass er sogar die Steilwand im Bühnenhintergrund im kühnen Achtzig-Grad-Steilwinkel nimmt, soll uns keine Sorgen darüber einpflanzen, wie denn der schwere Marketender-Planwagen dort hinaufzukriegen sei. Politz und seine Truppe behalten wohltuende Bodenhaftung. Wenn der Wagen nur im Vordergrund ein bisschen auf und ab, vor und zurück schaukelt, halten Courage und Co. besten Kontakt zu ihrem hin- und hergerissenen Publikum. Und außerdem wird wie bei fast jeder herkömmlichen "Courage“-Inszenierung klar: Diese unbelehrbar-optimistische Frau bewegt sich im Kreise, hat am Ende nichts dazugelernt.

Ist das nicht der blanke Zynismus? Wer lernt, wie Courages Ältester Eilif (rank und lebenstüchtig: Matthias Lehmann) die Menschen auszuplündern, muss derlei im plötzlich über ihn hereingebrochenen Frieden mit dem Leben bezahlen. Auch wer Gutes tut wie die stumme Tochter Kattrin (anrührend hilflos, aber schließlich tollkühn: Johanna Marx), ist des Todes. Und wer dumm und also lernunfähig ist wie Zweitsohn Schweizerkas (wirkt etwas zu alert: Matthias Ransberger), kullert als Totgeschundener seiner Mutter zu Füßen. Die Kriegskasse, die er zu verwalten und zu retten hatte, entpuppte sich als ebenso lebensgefährlich wie der rechte Glaube, um den dreißig Jahre lang und sogar noch heute gefochten wurde und wird.

Nur Anpassungsfähigkeit sichert halbwegs das Leben. Der Feldprediger trägt je nach Truppenlage Talar, Soutane oder neutral, die Courage flaggt katholisch, evangelisch oder möglichst gar nicht. Man weiss ja nie: "Der Krieg soll verflucht sein!“, wettert sie, nachdem Tochter Kattrin massakriert wurde, aber er geht weiter, und die nunmehr kinderlose Mutter wird dabei bleiben, denn er ernährt sie: "Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen“.

Dies Weib ist des Teufels. Entsprechend langlöffelig wird es wunderbar von Rosel Zech auf standhaft-wendige Beine gestellt. Wenn die Zech in jeder Lage Lebensmut versprüht, wenn sie sich einfühlsam der armen stummen Bühnentochter zuwendet, wenn sie das Schlimme von ihren Söhnen abwenden will, wenn sie singt oder alltagsphilosophiert, immer bleibt sie hochpräsent und liebenswert. Brecht macht es uns wie in vielen anderen seiner Stücke schwer. Seine Botschaft liegt im Dauerclinch mit der Sympathie, die deren Überbringern entgegenschlägt. Dass sie aber im Kern erhalten bleibt, dagegen kann auch der engagierteste Regisseur kaum etwas ausrichten. Politz fügte sich und versuchte es erst gar nicht. Dem jubelnden, lang anhaltenden Schlussbeifall hat es nicht geschadet.

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