| Wunsiedel - "Wir wollen
Ihnen Appetit machen und zeigen, dass Bertolt Brechts sogenannte
,Lehrstücke' eigentlich Volksstücke sind", so Manfred Bachmayer beim
zweiten Einführungsabend zu den Luisenburg-Festspielen. Zusammen mit
Ensemblemitgliedern wollte der Dramaturg die Besucher im ordentlich
gefüllten Saal der Fichtelgebirgshalle mit hinein nehmen in die
Arbeitsatmosphäre und den Prozess der Umsetzung von Erkenntnissen
während der Probenphase zu "Mutter Courage und ihre Kinder."
So sieht zum Beispiel Regisseur Pierre Walter Politz, ein
bekennender Brecht-Fan, in der Naturkulisse der Luisenburg eine Metapher
für das Ausgeliefertsein des Menschen an Umwelt und Schicksal. Die Mutter
Courage der Luisenburg zieht mit ihrem Karren nicht, wie sonst üblich, vor
einem dunklen Theatervorhang auf, sondern bewegt sich, allen Widrigkeiten des
Wetters und der Bodenverhältnisse ausgesetzt, über Steine und Wurzeln
bergauf und bergab. "Alles, was man sich sonst bei Brecht vorstellen muss, ist
hier Realität", sagt der Regisseur, und der Dramaturg ergänzt: "Wir
haben das Stück da, wo es Brecht eigentlich nicht haben wollte, wo es aber
spielt."
Tatsächlich handelt die neunte Szene "vor Ort" im
Fichtelgebirge. Bei Brecht heißt es dazu: "Im Herbst 1634 begegnen wir
der Courage im deutschen Fichtelgebirge, abseits der Heerstraße, auf der
die schwedischen Heere ziehen. Der Winter in diesem Jahr kommt früh und
ist streng. Die Geschäfte gehen schlecht, so dass nur Betteln übrig
bleibt." Dass Brechts Stück viel mit Volkstheater zu tun hat, belegte
Bachmayer mit einem Hinweis auf die Vorlage zu "Mutter Courage", nämlich
dem deutschen Volksbuch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:
"Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und
Landstörtzerin Courasche". Mit Grimmelshausens "Courasche" war der Stil
gefunden für ein Volksstück über den Krieg, das von Menschen aus
dem Volk erzählt und von deren Sorgen und Nöten.
Grimmelshausens Courasche lieferte die Hauptfigur und den
Rahmen, beides wie geschaffen für Brechts Theaterkonzept: Je weiter die
Handlung von der Jetztzeit entfernt ist - das Stück handelt im
Dreißigjährigen Krieg - , je mehr Distanz der Zuschauer hat, desto
besser begreift er den Widerspruch der jeweiligen Bühnenperson, anstatt
sich mit ihr zu identifizieren. Desto leichter auch wird der Mechanismus von
Ursache und Wirkung durchschaut.
Als weiteren Beweis für den Volkstheatercharakter der
Brecht-Stücke kann die Tatsache gesehen werden, dass Brecht seinen Weg zum
Theater zusammen mit Karl Valentin gefunden hat. Valentins Darstellung der
Absurdität des Alltäglichen lieferte wesentliche Ansätze
für Brecht. Ein Beispiel dafür gaben die Schauspieler Matthias
Ransberger und Holger Mattias Wilhelm mit Valentins Gespräch von Vater und
Sohn "Über den Krieg".
Bereits zweimal wurde "Mutter Courage" auf der Luisenburg
gespielt: 1968 mit Grete Wurm und 1986 mit Elisabeth Orth in der Titelrolle.
Für die diesjährige Inszenierung wurde mit Rosel Zech eine der
herausragenden Charakterdarstellerinnen des deutschen Theaters gewonnen.
Zusammen mit ihren Kollegen Peter Kaghanovitch, der den
"Koch" spielt, Ulrich Gebauer (Feldprediger) und Christine Nonnast (Yvette) gab
Rosel Zech eine Kostprobe aus dem achten Bild in dem "der Friede ausgebrochen "
ist.
Und weil sich die Luisenburg-Inszenierung 2009 der "Courage"
als "bunter Bilderbogen mit Musik, als eine Art Moritat gegen den Krieg"
versteht, so Dramaturg Bachmayer, gab es auch eine musikalische Einstimmung. Am
Klavier von Max Doehlemann begleitet, sangen Holger Mattias Wilhelm und Rosel
Zech "Das Lied vom Weib und dem Soldaten", bevor das zierliche
Energiebündel Zech die begeisterten Zuhörer mit ihrer Interpretation
des Liedes "Von der großen Kapitulation" nach Hause verabschiedete.
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