Beschreibung: |
"Was können wir denn tun?" fragt die bankrotte
Gutsbesitzerin Ranjewskaja den Bauernsohn, der zu Geld gekommen ist, "Raten Sie
uns." Und Lopachin erklärt es noch einmal: Ihr ganzer Besitz wird zu einem
bereits festgelegten Termin schuldenhalber versteigert. Sie müsste selbst
das alte Gut abreißen, den riesigen Kirschgarten abholzen lassen, das
Land parzellenweise als Baugrund für Ferienhäuser verpachten;
für dieses Projekt gäben die Banken Kredit und anstatt völlig zu
verarmen, könnte sie sogar Profit machen. "Unmöglich!", sagt die
Familie und verteidigt die immateriellen Werte: ein altes Haus, ein herrliches
Stück Natur vernichten? Für Touristen? "Das ist so vulgär."
Lopachin gibt auf, will gehen. "Nein, bleiben Sie noch", bittet die
Ranjewskaja, "vielleicht denken wir uns ja doch noch etwas aus." Und Lopachin
bleibt. Die bemessene Zeit bis zur Versteigerung, historisch die
Übergangszeit zwischen der mittelalterlich ständischen zur modernen
kapitalistischen Gesellschaft, erscheint bei Tschechow als Zustand des aktiven
Abwartens: alle möglichen Menschen versammeln sich zum letzten Mal auf dem
Gut wie zu einem langen Sommerfest und reflektieren darüber, wie
ohnmächtig oder mächtig das sogenannte Individuum angesichts der
"Verhältnisse" wirklich ist. Familie, Nachbarn, alte Freunde kommen
zusammen, essen, trinken, spielen, reden, und darüber verstreicht die
Frist. Tschechows Welt sieht in vielen Punkten bereits so unübersichtlich
und gelähmt, so post-revolutionär und post-human aus wie die
gegenwärtige. Die langsame Zerstörung der Natur, eine neue Art von
Barbarei, die anstelle der Leibeigenschaft zur Berechenbarkeit aller
Verhältnisse und damit zu einer ebenso großen Verelendung
führen wird, ist ahnbar. Tschechows Menschen sind komisch, weil
hoffnungslos überfordert; mit ihren dürftigen Kräften stehen sie
in einem grotesken Missverhältnis zu den Zeitläufen, die über
sie hinweggehen. Sie entwerfen Pläne und widersprechen sich sofort. Sie
träumen sich rückwärts und vorwärts um die Gegenwart herum.
Sie bleiben unzufrieden, unglücklich und dauernd beschäftigt mit der
Selbstvergewisserung, dass es nicht ganz sinnlos sein kann, hier und heute zu
leben. Was unerlöst und unausgesprochen zwischen den Texten herumliegt,
springt uns als Zeitgenossen an. "Was können wir denn tun?" - "Vielleicht
denken wir uns ja doch noch etwas aus." |