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| Max Doehlemann - Komponist
Unsere Arbeitsbeziehung und Freundschaft ergab sich durch
die Luisenburgfestspiele in Wunsiedel 2009, wo sie die Anna Fierling in Brechts
"Mutter Courage" spielte. Ich war musikalischer Leiter der Produktion. Zuerst
begegnet sind wir uns 2008 in Berlin, in den Räumlichkeiten des Berliner
Ensembles, wo ich als Musiker häufiger arbeite. |
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Ab Anfang 2009 haben wir intensiv zusammengearbeitet, meist
in meiner Wohnung in Charlottenburg. Sie kam gern in meine Gegend, da einige
Straßen weiter einst ihre Großmutter gewohnt hatte. Immer wenn sie
zu mir kam, ging sie zuerst zu dem netten Kioskbesitzer gegenüber, um eine
Kleinigkeit zu kaufen, erkundigte sich, wie es ihm und den Leuten dort ginge,
war ungeheuer offen und interessiert an der ganzen Umgebung, z.B. auch an
meinem Sohn. Wir haben in der Gegend auch Spaziergänge unternommen, waren
etwa mehrmals bei einem kleinen jüdischen Bäckerladen in der
Nähe vom Ernst-Reuter-Platz, den es vor ein paar Jahren noch gab. In
unserer Arbeit ging es nicht nur darum, die Songs der Mutter Courage
einzustudieren. Rosel hatte ein Bedürfnis nach intensiver musikalischer
Arbeit, um all das, was sie in den Songs gesehen hat, auch stimmlich nach vorne
zu bringen. Vieles daraus ist dann in die Rollenfindung, in die Suche nach
einer allgemeinen Interpretationshaltung eingeflossen. Vor allem wollte Rosel
die Courage nicht so hart und schroff spielen wie manche die Brechtschen
Tradition aufgefasst haben. Sondern auf ihre Art lebensechter, auch mit weichen
und humorvollen Seiten. Ich glaube, sie hat die Figur der Anna Fierling tief
verstanden. Sie sprach zu mir über Situationen im Stück, Motivationen
der Protagonisten und vieles andere, was das Stück betrifft. Sie
wußte natürlich immer genau, was sie wollte und was nicht.
Ich war nicht der Regisseur, sondern nur Musiker, aber ich
hatte das Gefühl, ich war für sie bei unseren Proben eine Art
Katalysator. Der Regisseur des Stücks, Pierre Politz, war nicht immer in
Berlin, aber wir standen natürlich in Kontakt und er hat uns in allem
unterstützt. |
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In Wunsiedel agierte Rosel dann mit einer unglaublichen
Energie, obwohl sie bereits erkrankt war. Nur wenige wussten damals davon, mir
hatte sie es zwar gesagt, aber ich musste versprechen, es für mich zu
behalten. Es war manchmal furchtbar kalt auf der Freilichtbühne,
ständig gab es Regenschauer, manchmal pladderte es stundenlang ganz
furchtbar. Die Figur der Anna Fierling ist im gesamten Stück quasi immer
auf der Bühne anwesend, es gibt nahezu keine Verschnaufpause. Mit ihr
steht und fällt das ganze Stück, sie ist es, die alle anderen
Darsteller letztlich mitziehen muß. Die Probenarbeit im Freien, dazu im
Rahmen eines Festivals, war aufreibend. Triefnass, bei starkem Wind und
Temperaturen um die 10 Grad und weniger zog Rosel, die immerhin schon auf die
70 zuging, ihren Marketender-Wagen mit unglaublicher Ausdauer über die
riesige Naturbühne. |
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Als herausragende, erfahrene Schauspielerin, die sie war,
hatte sie ihre ganze Rolle schon vorher bis ins kleinste Detail hin für
sich durchdacht und ausgearbeitet. So hat sie der ganzen Produktion
entscheidene Impulse gegeben. Ich war etwas privilegiert, da ich die meiste
Zeit einen hübschen Musiker-Arbeitsraum in Form einer Scheune hatte, ich
mußte nur manchmal ausgebrochene Schafe wieder einfangen.
Ich finde, dass es eine großartige Version der Mutter
Courage geworden ist. Bei einigen Nachrufen in überregionalen Feuilletons
hieß es etwas abschätzig, Rosel Zech, die unter so bedeutenden
Regisseuren wie Fassbinder, Zadek große Erfolge gefeiert hat, sich
für mindere Produktionen wie dieser in Wunsiedel oder auch danach für
ein "Boulevard"-Stück am Berliner Renaissance-Theater hergegeben
hätte.
Solche Kritiker haben - vermute ich - Rosel Zech nicht
verstanden, auch nicht Brecht, möglicherweise nicht einmal, was
"Boulevard" wirklich ist. Die Courage in Wunsiedel war deswegen
großartig, weil wir einen lebensechten, volkstümlichen Brecht
hinbekommen haben. Ein Stück, das ausschließlich draussen spielt,
haben wir wirklich draußen gespielt, mit echten Kanonen, Scharen von
kämpfenden Soldaten, ein großes, auch blutiges Spektakel.
Die Leitidee des Regisseurs war immer die Vorstellung von
"Front-Theater". Ich denke, die Courage funktioniert am besten, wenn man sich
sozusagen den Shakespearischen Qualitäten des Stückes stellt, einem
großen, auf Realität fußenden Welt-Theater. Dass es mit den
Erben und Verlagen wegen meiner etwas abgewandelten Musikinterpretation zum
Streit gekommen ist, unterstreicht für mich im Nachhinein, dass wir
einiges richtig gemacht haben. |
| Als dann die Vorstellungen liefen, war wieder
mehr Raum für persönliche Begegnungen und Unternehmungen. Einen Tag
haben Rosel und ich in Marienbad in Tschechien verbracht. Dort suchten wir ein
Goethe-Denkmal in einem Wäldchen, und sie rezitierte aus dem Kopf aus
Goethes Marienbader Elegien. Rosel war sehr belesen und hatte eine kollossale
klassische Bildung. Sie liebte Sprachwitz und gute Formulierungen. Während
einer langen Autofahrt deklamierte sie ein fast vollständiges
Ringelnatz-Programm auf dem Beifahrersitz. Außerdem musste ich im Auto
immer CDs, die sie mitgebracht hatte, einlegen und ich sollte meine Meinung
dazu sagen. Besonders mochte sie Schubert. |
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In dieser Zeit starb Peter Zadek. Rosel hat das sehr
mitgenommen. Sie erzählte mir viel von ihm, ich glaube, dass er einer der
wichtigsten Menschen in ihrem Leben war. Auch von Fassbinder und ihrer
gemeinsamen Zeit erzählte sie. Ihre Faszination galt immer wieder Menschen
und sie konnte wunderbar davon erzählen.
Als die Mutter Courage abgespielt war, blieben wir weiter in
freundschaftlichem Kontakt. Sie kam regelmäßig zu mir, solange es
die Krankheit ermöglichte. Ich gab ihr Musikunterricht. Wir erarbeiteten
vor allem Lieder von Schubert. Wir hatten auch den Plan für eine CD mit
Brecht-Liedern. Ende 2009 hätten wir das mühelos hinbekommen, bei
dem, was wir schon erarbeitet hatten. Leider machten die Erben, deren
Einverständnis wir brauchten, den Plan zunichte. Ich bedauere das sehr,
denn wir hatten, so denke ich, ein schlüssiges Brecht-Konzept.
Bis Mitte 2010 hielten wir regelmäßig Kontakt.
Sie spielte neben ihren Fernsehrollen am Berliner Renaissance-Theater ein
Stück über die Diabelli-Variationen von Beethoven. Sie hatte mir den
Text gezeigt und mich gefragt, wie ich darüber denke - auch als Musiker -
und ob sie das spielen sollte. Ich mochte das Stück, es ist in einer
unterhaltsamen Tradition geschrieben, wie man sie eher im angelsächsischen
als im deutschen Kontext findet. Rosel schlug mich als Pianisten vor (Thema des
Stücks sind Beethovens Diabelli-Variationen, die auch gespielt werden),
aber für das Stück ist eine junge Pianistin vorgesehen. Auch in
dieser Rolle war Rosel grandios, die Figur der körperlich immer
gebrechlicher werdenden Musikwissenschaftlerin verlangte ihr wieder extremen
Körpereinsatz ab. Ich denke, Rosel spielte das so großartig, weil
sie die Musik, um die es hier ging, wirklich liebte.
Für Dezember 2010 hatte mir Rosel zugesagt, bei meinem
jüdischen Kultursalon mitzuwirken, den ich im Grünen Salon der
Volksbühne eingerichtet habe. Leider musste sie diesen Auftritt
kurzfristig wegen schlimmer gesundheitlicher Probleme absagen, es war ihr
furchtbar unangenehm. Ich habe in der folgenden Zeit noch mit ihr telefoniert,
sie aber nicht mehr persönlich getroffen. Sie fragte nach meiner Familie,
meinem Sohn, meinen Plänen und Projekten. Als ich einen Kompositionspreis
gewonnen hatte, hat sie mich überschwenglich beglückwünscht. Mir
war klar, dass sie schwer krank war, aber nicht, wie schwer. Drei Wochen vor
ihrem Tod sagte sie mir noch, es gehe ihr im Moment gar nicht gut, ich solle
aber bald einmal wieder bei ihr vorbeischauen. Dass es dann so schnell ging,
hat mich bestürzt.
Rosel interessierte sich ganz besonders für Menschen in
ihrer ganzen Verschiedenheit. Ganz besonders auch für Menschen ohne
großem sozialen oder sonstigen Prestige. Sie interessierte sich als
Mensch und als Künstlerin für das wirkliche Leben und nicht für
Angeberei und Wichtigtuerei. Sie hatte nach meinem Eindruck ein sicheres
Sensorium dafür, was echt war und was nicht.
Was bleibt, sind für mich großartige
Erfahrungen, ein paar Tonaufnahmen von Proben und Aufführungen mit ihr,
eine Mappe mit Liedern, an denen wir zuletzt gearbeitet haben, einige
Bücher, die wir uns wechselseitig geliehen hatten und nicht mehr
zurückgegeben haben, viele Eindrücke, persönliche Erkenntnisse
und manches mehr. Unsere Arbeitsbeziehung und FreundschaftIch währte
leider viel zu kurz, ungefähr zweieinhalb Jahre lang. Ich denke mit
Dankbarkeit daran zurück. |
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