Beschreibung: |
Seit Jahren schon verleben Helmut und Sabine ihre
Ferien am Bodensee. Es sind Ferien, die sie anspruchslos beginnen, die
dahingehen. Vom Café-Tisch aus betrachtet Sabine heiter gestimmt die
bewegungsvolle Trägheit auf der Uferpromenade. Helmut wünscht sich
nichts dringender, als dieser abendlichen Idylle zu entkommen. Dann aber
geschieht etwas, das das eingespielte Verhältnis, die Rastlosigkeit
stört. Vor dem Tischchen bleibt Klaus Buch stehen und will nicht glauben,
dass sein Jugendfreund Helmut, der nun auch sechsundvierzig Jahre alt ist, ihn
nicht mehr erkennt. Und neben ihm, jung und braungebrannt wie er, steht Helene,
seine Frau. Immer neue Beweise lässt sich Helmut aus der Erinnerung
vortragen, ehe sein Gedächtnis sich regt. Doch nur voll Unlust beginnt
Helmut, die gemeinsamen Erinnerungen anzuerkennen; nichts verursacht ihm
größeren Widerwillen als Vergangenes, Einzelheiten eines vor einem
Vierteljahrhundert verbrachten Nachmittags. Wie anders, wie intensiv muss Klaus
Buch gelebt haben, dass ihm selbst noch der blonde Zopf der Theologiestudentin
zum Greifen nah ist. Helmut umgibt sich lieber mit Verblichenem,
Zerstörtem, er ist so versessen auf Vernichtetes, dass er am liebsten
schon die Gegenwart diesem Vernichtungsprozess anheimfallen lassen möchte.
Von nun an bestimmt Klaus Buch das Programm gemeinsam zu verbringender
Ferientage. Äußerlich manifestiert sich Gemeinsames; im Innern
führt kein Weg zu Klaus Buch, da stimmt nichts überein. Helmut aber
verschweigt es, verheimlicht sich und spielt die Rolle eines Jugendfreundes.
Nur ein einziges Mal bewundert er Klaus Buch, ohne Vorbehalt: Als sie von einer
Wanderung zurückkehren, rast ihnen ein Pferd entgegen. Der Bauer kann es
nicht halten, doch als es am Wiesenrand stehen bleibt, nähert sich ihm
Klaus Buch von der Seite und springt auf, noch ehe das Pferd davongaloppiert
ist. »Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es
muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd
lässt nicht mit sich reden.« So erklärt es Klaus Buch. Ein
kurzer Augenblick der Übereinkunft. Und wieder beginnt die Kluft zu
wachsen zwischen ihm und diesem intakten, lebensbewussten, liebesfähigen
Klaus Buch. Bis beide, eines Nachmittags, ohne die Frauen, im Segelboot sitzen.
Ein Unwetter kommt auf, das immer heftiger wird. Klaus Buch kämpft
strahlend, ein Held, der herausfordernd seine junggebliebenen Kräfte zur
Schau stellt. Dieser Kampf ist ihm willkommen, und er lässt keinen Zweifel
daran, dass er ihn bestehen wird. Es wird ein Kampf zwischen dem das Leben auf
jede Weise ausbeutenden Klaus Buch und dem dieses Leben seiner
Flüchtigkeit wegen fliehenden Helmut Halm. - Helmut und Sabine werden
abreisen. Wird die Abreise Aufbruch oder Rückkehr sein? Nur eine Person in
diesem Ferien-Spiel bleibt die, die sie immer war: Sabine. Sie ist stark, und
in der Stärke übersteht sie die verführende, begehrenswerte
Schein-Welt, die die beiden Fremden demonstriert haben. Alle anderen haben sich
oder wurden verraten: Helmut hat sein Rollen-Versteck für einen kurzen
verheerenden Augenblick verlassen. Helene gibt, nach dem vermeintlichen
Unglück, den Menschen Klaus Buch preis: auch er hatte seine Rolle
gespielt, die Rolle des Erfolgreichen, vom Leben Faszinierten. Und sich selbst
gibt Helene preis: Da war gar kein Glück, wie es schien, nur das
mühsame Aushalten in der Unterdrückung eigener Möglichkeiten und
Wünsche im Herrschaftsbereich des Scheins. Jeder in seiner Rolle,
hilfesuchend sich selbst gefangenhaltend, im Wunsch, sich selbst leben zu
können und doch in der Angst davor, dieses Leben könnte verletzender
sein. Jeder ein fliehendes Pferd. Das fliehende Pferd, dieses Aufleuchten
für einen Augenblick, bleibt sternbildartig zurück.
Quelle: Roman von Martin Walser, Suhrkamp-Verlag |